Tom Franklin – Krumme Type, krumme Type

Kurz vor Mitternacht. Nicht im Roman, nur hier bei mir. Es ist ein verdammt heißer Sommer und wieder eine warme Berliner Sommernacht. Kurz vor 23 Uhr noch 29 Grad draußen. Und ich sitze auf dem Balkon, der Laptop ist viel zu warm auf den Schenkeln, es ist großstadtdunkel und die Stadt rauscht im Hintergrund.

Und in meinem Kopf rauscht es und in meinem Herz rauscht es. Ich habe heute den kompletten Tag in dieser Geschichte verbracht, in »Krumme Type, krumme Type« von Tom Franklin und verflucht noch eins, sie ist so so gut.

 

Aus Gründen.

Ein Roman, der so unfassbar ans Herz geht, der so unfassbar groß ist, so leise gut, so versteckt gut, so offensichtlich gut. Der seine Stärken nicht gleich auf den ersten Seiten Preis gibt, der einen dann aber plötzlich abholt und mitnimmt in den Süden der USA, und in der so unfassbar viel steckt. Und ich benutze gerne auch noch dreißig Mal das Wort »unfassbar«, weil ich es tatsächlich auch so meine. Man könnte stundenlang über diesen Roman reden und ihn feiern.

Dieser Südstaaten-Roman, und mehr Kategorisierung braucht dieses Werk auch gar nicht, ich ärgere mich sowieso jetzt schon wieder über all die Menschen, die aus den falschen Gründen dieses Buch nicht lesen werden. Weil sie die Covergestaltung seltsam finden (Ernsthaft?), oder den Titel (eigentlich eine Zeile aus einem amerikanischen Kinderlied, das den Lütten hilft, das Wort »Mississippi« richtig zu buchstabieren), oder den Verlag (Ach kommt schon!).

Oder einfach weil sie eigentlich keine Krimis lesen, obwohl dies hier ja auch gar keiner ist, jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinn, aber bevor man das erfahren kann, hat man diesem Roman vermutlich schon den Rücken zugedreht. Und verpasst damit vielleicht eines der großartigsten Stücke Literatur diesen Sommers. Vermutlich des ganzen Jahres.

 

Einen Sommer lang.

So, Faden verloren, Südstaaten-Roman. Also eben dieser Südstaaten-Roman erzählt die Geschichte von Larry Ott und Silas Jones aus Chabot, Mississippi. Larry Ott, als Junge eher kränklich, introvertiert, unsportlich, eine Leseratte. Die Nase immer in einem Buch, vorzugsweise Horrorgeschichten. Seinem Vater, dem Automechaniker, gefällt das nicht. Handfester müsste sein Junge sein. Auch die Mitschüler mögen Larry nicht. Larry ist seltsam, über Larry lacht man, mit Larry freundet man sich nicht an.

Als er Silas Jones kennenlernt, scheint Larry zum ersten Mal so etwas wie einen Freund zu haben. Silas wohnt mit seiner Mutter in einer alten Jagdhütte hinten im Wald. Das Grundstück gehört Larrys Vater, der hat Silas und seine Mom auch dort einziehen lassen.

Einen Sommer lang gehen die beiden gemeinsam angeln, spielen im Wald, streifen durch das hohe Gras. Wenn die Schule wieder anfängt, wird Larry wieder allein sein mit seinen Büchern. Silas wird zu den Baseballspielern gehören, später ein Stipendium für die Ole Miss, die University of Mississippi bekommen. Ihre Wege trennen sich, bis Silas noch viel später als Constable wieder in die kleine Gemeinde zurückkehrt.

 

Einmal vermisst, zweimal tot.

Inzwischen sind Larry und Silas erwachsene Männer. Die ländliche Gegend, die kleinen Städte und Gemeinden, hier kennt jeder jeden. Und vor allem kennt jeder Larry Ott, den Mörder und Vergewaltiger. Ob das wirklich stimmt? Spielt keine Rolle. Er war damals, vor 25 Jahren, der letzte, mit dem die junge Cindy Walker lebend gesehen wurde. Er war mit ihr im Autokino. Danach verliert sich ihre Spur. Keine Leiche, keine Beweise, dennoch war für alle klar, der seltsame Teenager mit den Horrorromanen, der war es.

Larry wird damit vom Außenseiter zum Außgestoßenen, geht von der Schule ab, zum Militär, übernimmt später die Autowerkstatt seines verstorbenen Vaters. Kunden hat er nur, wenn ein ahnungsloser Durchreisender von außerhalb mal zufällig anhalten sollte. Für die Jugendlichen in der Gegend gilt es als Mutprobe, hinaus zu Larrys Haus zu fahren, seinen Briefkasten zu demolieren, sein Eigentum zu beschädigen, ihn zu beschimpfen.

 

Oh Larry.

Und so lebt Larry allein in diesem Haus, mit endlos vielen Büchern, immer freudig, wenn vom Buchklub ein weiteres zu ihm nach Hause geschickt wird. Larry ist allein. Er ist so einsam und dabei so duldsam, dass es einen aus den Buchseiten heraus förmlich anschreit und ans Herz greift und es zusammenquetscht.

Larry trinkt nicht, Larry raucht nicht, er nimmt keine Drogen. Er hält sein Haus in Ordnung, kümmert sich um die Hühner, öffnet täglich pünktlich seine Werkstatt. Doch nichts, was er tut, erzeugt ein Echo. Er lebt in einem Vakuum, und dieses beschreibt Tom Franklin so unsentimental gefühlvoll, dass einem das Herz überläuft.

 

Gegenwart und Vergangenheit

Als dann in der kleinen Gemeinde die Tochter des Sägewerkbesitzers Rutherford verschwindet, ist klar, dass Larry als Hauptverdächtiger gehandelt wird. Regelmäßige Durchsuchungsbeschlüsse für sein Haus und die Scheune werden vollstreckt, nie findet man etwas. Aber auch hier, der Mensch glaubt, was er glauben will. Beweise hin oder her. Larry muss nur gestehen. Er war es doch sowieso. Und als Larry dann angeschossen wird, ist die Sache fast so klar wie frisches Quellwasser. Ein Schuldeingeständnis, wohl selbst angeschossen, was denn auch sonst. Nur Silas Jones ist nicht so voreilig. Er glaubt nicht, dass Larry Ott die jungen Frauen entführt hat. Heute nicht. Und damals nicht.

Und während die Handlung in der Gegenwart auf Leichen stößt, erzählt sie in der Vergangenheit von den zurückliegenden Ereignissen. Sie erzählt von den Jungen, die Larry und Silas waren, von ihren Familien, von ihrem Leben, ihren Wünschen, ihren Ängsten. Eine Coming-Of-Age-Geschichte schwingt da mit, der Sommer auf dem Land, der Schulalltag, dann die Teenager-Zeit. Und es ist nicht nur die Geschichte von zwei Jungen in Mississippi mit unterschiedlicher Hautfarbe und doch ist sie es.

 

Lange nichts und danach noch viel weniger

Dazu entwirft Tom Franklin ein interessantes Portrait vom Süden Mississippis, ein sehr genau beobachtetes. Er beschreibt wie nebenbei die ländlichen Strukturen, die lebensbestimmenden Umstände, man bekommt einen Eindruck von der Isolation und der Abgeschiedenheit einzelner Gemeinden, spürt diesem Gefühl des Abgehängtseins ebenso nach wie dem eigenen Rhythmus des Lebens dort draußen. Scheinbar abgeschnitten von der Welt, braucht es lange, bis sich alte Muster auflösen.

Gleichzeitig findet aber auch die sonderbare Anziehungskraft der Landschaft und der Natur ihren Platz. Das Entschleunigte schwankt zwischen Ruhe und Zerfall. Beim Lesen eröffnet sich ein regelrechtes Panorama der Gegend dort. Sicher nur ein Ausschnitt, aber dennoch ein sehr eindrucksstarker. Das Setting im Hinterland, wo es lange nichts und danach noch viel weniger gibt, wirkt gleichzeitig traurig und reizvoll, eine ganz spannende Mischung und eine sehr stimmungsvolle.

 

Wohin mit meiner Empathie?

Grandios dann letztlich auch die Charakterzeichnung. Tom Franklin entwirft die Figuren mit so viel Ruhe und Ausgeglichenheit, dass sie in ihrer Nahbarkeit extrem lebendig werden. Und man mit seinem Mitgefühl kaum weiß, wohin. Auch nicht mit seiner Wut. Und mit seinen Zweifeln am gesunden Menschenverstand. Denn so sehr der Roman fiktiv ist, so real sind seine Motive, seine Beobachtungen und seine Charakterisierungen.

Und allein in der Figur des Larry Ott liegt so viel Tragik, dass es ein leichtes wäre, in Kitsch oder Klischees zu verfallen. Doch nicht ein einziges Mal wäre mir beim Lesen so ein Gedanke gekommen. Ich war einfach nur 402 Seiten lang mit dem Herzen und dem Kopf in dieser Geschichte, die jetzt immer noch in mir rauscht. So so großartig!

 

Fazit: 

»Krumme Type, krumme Type« erzählt die Geschichte von Larry Ott und Silas Jones. Zwei Männer, die im Süden Mississippis aufwachsen und deren Lebenswege so sehr durch die Gesellschaft geformt und beeinflusst werden, dass einem der freie Wille wie eine alte Mär vorkommt. Ich habe vermutlich einige hundert Bücher in den letzten Jahren gelesen, doch nur sehr wenige davon würde ich ums Verrecken nicht mehr hergeben. »Krumme Type, krumme Type« gehört von nun an dazu.

 

Unnützes Wissen am Rande: »Krumme Type, krumme Type« gehört ab 2019 in Baden-Württemberg (Leute, habt ihr ein Schwein!) zur Abiturlektüre im Fach Englisch. Boys and girls, that’s pretty awesome!

 


© Pulp Master
Tom Franklin – Krumme Type, krumme Type

Originalausgabe »Crooked letter, Crooked letter« (2010)

übersetzt aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl

Juli 2018 im Pulp Master Verlag

Taschenbuch | 402 Seiten | 15,80 EUR

Genre: Roman/Kriminalroman/Südstaaten-Roman

Reihe: Einzelband

Schauplatz: Mississippi/USA

 

 

 

12 Kommentare zu “Tom Franklin – Krumme Type, krumme Type

  • 10. August 2018 at 12:16
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    Was für eine tolle Rezension! Hast mich jetzt sehr neugierig gemacht, denn das Buch passt in mein Beuteschema! 🙂

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    • 10. August 2018 at 13:45
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      Das freut mich ehrlich sehr, vielen Dank! Mission erfüllt, wenn ich meine Begeisterung für diesen Roman an jemanden weitertragen konnte! 🙂 Falls Du ihn liest, bin ich sehr gespannt, wie er bei dir ankommt!

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  • 10. August 2018 at 21:07
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    Was für eine wundervolle Rezension.
    Ich bin eben auch über eine ähnlich begeisterte, aber nicht so aussagekräftige Rezension gestolpert.
    Ein Buch, das mich absolut anspricht und geradezu ruft, dass ich es kaufen muss.

    Vielen Dank, Du hast Dein Ziel bei einem Menschen definitiv erreicht.

    Herzliche Grüße
    Anja

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    • 10. August 2018 at 21:23
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      Vielen, vielen Dank! Hach, das ist schön und dann kann ich wirklich nur größtes Vergnügen bei der Lektüre wünschen! 😍

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  • 10. August 2018 at 23:15
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    Habe Smonk gelesen , was mich etwas zwiespältig zurück gelassen hat. Zwar sehr gut , also handwerklich gut, geschrieben, aber von der Überspitzung und der vielen Gewalt her nicht so mein Ding…
    Ihre Rezension weckt aber sehr meine Neugier, daher werd ich dem Autor noch eine Chance geben!
    Vielen Dank für die Empfehlung!

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    • 11. August 2018 at 8:59
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      Danke fürs Feedback! “Smonk” ist wirklich ein Kaliber für sich, aber, zur “Entwarnung”, “Krumme Type” hat eine ganz andere Stilrichtung . Während bei “Smonk” der Autor ja wirklich Grenzen austestet und sich austobt, eskaliert und einfach mal alles rauslässt, hat “Krumme Type” wirklich einen völlig anderen Stil, eine andere Grundstimmung, eine andere Sprache. Ich denke, ich werde das nachher in der Besprechung noch ergänzen. “Smonk” ist wild und krass, “Krumme Type” ist eher ruhig, zwar nicht gewaltfrei, aber hat ein ganz anderes Gemüt als der wilde Bastard. 😉

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  • 21. August 2018 at 0:09
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    Fantastische Rezension – mehr gibt es nicht zu sagen. Außer: “Krumme Type, Krumme Type” ward gestern bestellt. 😉 LG Stefan

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    • 21. August 2018 at 9:24
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      Vielen, vielen Dank! Mit diesem Roman könnte die Sommerleseblockade wohl geknackt werden! 😉

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      • 21. August 2018 at 14:18
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        In der Tat. 🙂 Habe jetzt aber erst einmal mit dem aktuellen Stroby angefangen (wie immer top!) und werde mir danach wohl (nochmals) Franklins “Die Gefürchteten” vornehmen. Falls das tatsächlich klappt, kommt “Smonk” oder “Krumme Type” dran.

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        • 21. August 2018 at 16:08
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          Oh ja, der jüngste Stroby war toll, ich glaube, das ist aktuell mein Favorit der Reihe!

          Und von Tom Franklin habe ich inzwischen auch alle drei Romane gelesen, das war wie ein kleiner Rausch, und ich bin sehr angetan, wie unterschiedlich die Romane sind und doch unverkenntbar eine Handschrift tragen. “Krumme Type” empfand ich als etwas gefälliger und leichtgängiger als “Die Gefürchteten”, “Smonk” fällt völlig aus dem Rahmen und ist echt eine wilde Sau (und pretty cool!) und obwohl sich vom Setting her “Smonk” und “Die Gefürchteten” näher sind, sind es beim Stil “Die Gefürchteten” und “Krumme Type”. Ein großartiger Autor, ich bin gespannt, wie dir nachher die Romane gefallen!

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  • 27. August 2018 at 9:25
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    So einen ganz kleinen Moment lang hab ich jetzt darüber nachgedacht, ob ich überhaupt noch weiter bloggen soll. Denn so unglaublich schön, wie Du hier Deine Gefühle bei Tom Franklins Buch beschreibst, würde ich das nie hinkriegen. Ach, Du kannst das einfach wundervoll. Ganz großes Kino. Vielen Dank dafür!

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