Kriminell Gelesenes – Die Maiausgabe

Banner Kriminell Gelesenes Martin Krists Krimikritik

In seiner Kolumne “Kriminell Gelesenes ” stellt der Autor Martin Krist regelmäßig zum Monatsende seine aktuellen Lieblingsbücher vor – oder Bücher, die er lieber nicht gelesen hätte.

Dieses Mal mit dabei: Candice Fox, Patricia MacDonald und Robert Wilson.


Buchcover Hades von Candice Fox
© Suhrkamp Verlag

Candice Fox – Hades

Allein der Romantitel: “Hades” – wow! Und die Unterzeile: “Als Killer wird man nicht geboren. Man wird dazu gemacht” – vielversprechend! Und dann noch das Coverbild – großartig! Da kann der zugehörige Thriller ja nur gut sein … Haste gedacht!

Problem Nummer 1: Der titelgebende, Killer-machende Hades, Herr über die Unterwelt Sydneys, der auf einer Müllkippe haust und dort Menschen entsorgt, kommt nicht nur wie ein larmoyanter Rentner rüber, er spielt außerdem eine absolut belanglose Nebenrolle.

Problem Nummer 2: Die dramatische Lebensgeschichte von Eden und Eric, zwei Kinder, die Hades vor der Entsorgung rettet, wird in wiederholten Rückblenden mit einer überstürzten Beiläufigkeit erzählt, dass sie weder bewegend noch schlüssig ist.

Problem Nummer 3: Der finale Clou in der Geschichte, die Cop Frank Bennett im Hier und Jetzt über die erwachsenen Eden und Eric erzählt, ist derart früh absehbar, dass dem Roman auf halber Strecke endgültig die Luft ausgeht.

Deshalb leider: eine der größten Enttäuschungen dieses Monats.

Candice Fox – Hades | erschienen bei Suhrkamp | Euro 14,99

 

Buchcover Ein Akt der Grausamkeit Patricia MacDonald
© Piper Verlag

Patricia MacDonald – Ein Akt der Grausamkeit

Und noch ein Buch, dessen Klappentext mehr verspricht, als der Roman halten kann: Seit ihre Tochter einen Mord begangen hat, sind Hannah und Adam mit der kleinen Sydney in Philadelphia untergetaucht. Durch einen dummen Zufall droht ihre neue Identität aufzufliegen – jetzt droht mächtig Ungemach.

Allerdings ist dieser “dumme Zufall” derart haarsträubend, dass mich schon auf Seite 20 die ersten Zweifel beschlichen. Ab Seite 50 begannen mir die beteiligten Figuren auf die Nerven zu gehen, weil sie dermaßen lieblos und unglaubwürdig entwickelt worden sind. Etwas mehr Liebe zum Detail hätte ich mir ab Seite 100 auch für den Plot gewünscht, denn der ist so vorhersehbar, dass es schmerzt. Wahrlich ein Akt der Grausamkeit.

Patricia MacDonald – Ein Akt der Grausamkeit | erschienen bei Piper | Euro 9,99

 

Buchsover Die Stunde der Entführer Robert Wilson
© Goldmann Verlag

Robert Wilson – Die Stunde der Entführer

Zum Glück gibt es ja noch Robert Wilson, der sein Handwerk versteht. Beweis: der dritte Teil seiner Charlie Boxer-Serie. Und diesmal kommt es für Boxer, Spezialist für besondere Entführungsfälle, knüppeldick. Da ist zum Beispiel Siobhan Jensen, jung, sexy und durchtrieben: Eigentlich ist sie auf der Suche nach ihrem verschwundenen Vater, doch dann interessiert sie sich viel mehr für Boxers Tochter Amy.

Unterdessen bekommt es Amys Mutter Marcy, Detective Inspector bei der Spezialeinheit für Entführungsfälle, nicht nur mit sechs verschleppten Milliardärskindern aus Indien, Amerika, Deutschland, Russland und Großbritannien zu tun, sondern augenblicklich auch mit den Geheimdiensten aller betreffenden Länder. Natürlich spielt keiner von denen mit offenen Karten. Als wäre das nicht genug, verschwindet zur gleichen Zeit auch noch Marcys kleinkrimineller Liebhaber Marcus.

Ach so, und dann ist da ja noch Boxers Vater, der vor Jahrzehnten spurlos von der Bildfläche verschwand. Und Boxers Freundin Isabel, die schwanger aus ihrem Urlaub heimkehrt. Wer jetzt meint, das alles sei ihm zu viel Privatkram, dem sei gesagt: Nichts geschieht ohne Grund.

“Die Stunde der Entführer” ist ein komplex gewebter Thriller, hochpolitisch, hochbrisant, topaktuell. Weshalb ich mich schon jetzt auf Boxer, Teil 4 freue.

Robert Wilson – Die Stunde der Entführer | erschienen bei Goldmann | Euro 16,99

 

© Texte verfasst von Martin Krist


Autor Martin Krist schwarz/weiß

Der Autor dieser Kolumne:

Martin Krist, geboren 1971, lebt als Schriftsteller in Berlin. Er arbeitete viele Jahre als leitender Redakteur bei verschiedenen Zeitschriften. Seit 1997 ist er als Schriftsteller tätig. Nach mehr als 30 Sachbüchern, darunter die Biografie über die Hamburger Kiez-Ikone Tattoo-Theo, die Punk-Diva Nina Hagen, den Rap-Rüpel Sido und die Grunge-Ikone Kurt Cobain, schreibt er seit 2005 Krimis und Thriller.

www.martin-krist.de

 

 

5 Kommentare zu “Kriminell Gelesenes – Die Maiausgabe

  • 30. Mai 2016 at 23:33
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    Hach schade, diesmal leider kein Buch für mich dabei 🙁
    Dass der gute Hades nicht so doll sein soll, hab ich schon aus anderen Ecken die Tage gehört gehabt – sehr schade!

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  • 31. Mai 2016 at 10:07
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    Ja, ich bin auch gespannt, wie mein Fazit bei "Hades" ausfallen wird, hab es schon hier, aber wie Du auch aus mehreren Ecken gehört, dass es wohl eher in Richtung Reinfall geht. Umso neugieriger bin ich nun natürlich! 😀

    Ich habe mir letzte Woche noch von Robert Wilson den ersten Band geholt, "Stirb für mich". Da wusste ich zwar noch nicht, dass Martins Besprechung so positiv ausfallen wird, aber so bestätigt sich der Griff zum Buch.

    Reply
  • 31. Mai 2016 at 10:17
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    Ja, auf dein Fazit bin ich auch mal gespannt 😛

    Wilson lockt mich vom Inhalt nicht so wirklich. Lob hör ich hier aber auch viel auf Portalen. Das wird dann wohl nicht der Griff ins Klo sein für dich 😀

    Reply
  • 31. Mai 2016 at 18:59
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    Oh wie schön, dass mit Robert Wilson einer meiner neuen Lieblingsautoren so eine gute Kritik bekommen hat! Das freut mich, da fühl ich mich direkt nicht mehr so allein mit meiner Liebe für seine Bücher. Habe letztens im Mängelexemplar-Buchladen (haben die eigentlich einen 'richtigen' Namen?) ein altes Schätzchen gefunden "Das verdeckte Gesicht" von 2001 und bei Amazon nicht mehr zu erhalten. Freue mich schon sehr drauf.

    LG
    Sandra

    PS: Rechtschreibfehler bitte überlesen.. habe gerade beim Nachgucken soooo viele gefunden, dass ich schockiert bin und sicher, dass ich noch mehr übersehen habe… Wo kommen die heute alle her?! Geht wieder in eure Höhle! O.o

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  • 1. Juni 2016 at 18:48
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    Rechtschreibfehler? Pff! 😉

    Stimmt, Du warst von Wilson ja auch so angetan! Sehr schön, dann kann ich ja dem ersten Band gelassen gegenübertreten! 🙂

    Reply

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