Mon Bataclan

Diese Graphic Novel muss zunächst einmal genauer eingeordnet werden. »Bataclan: Wie ich überlebte« ist vielmehr eine »graphic short story«. Die gezeichnete Sequenz selbst umfasst 15 Seiten, das Buch komplettieren dann rund 26 Seiten Textfragmente. Das nur zur Orientierung vorneweg, da ich beim Kauf des Bandes mit einem größeren Zeichenanteil gerechnet hätte. Dies soll keine inhaltliche Kritik darstellen, maximal eine an der Präsentation des Buches auf der Verlagswebsite. Aber auch das ist nach der Lektüre letztlich zweitrangig.

Bei den Terroranschlägen vom 13. November 2015 starben in dem Pariser Club »Bataclan«* zahlreiche Menschen, hunderte wurden verletzt. Der Grafiker Fred Dewilde gehört zu den Überlebenden. In diesem Buch verarbeitet er nun, wie er die Nacht, in der Bewaffnete ein Konzert stürmten und Menschen erschossen, erlebte, überlebte und wie er danach weiterlebte. Es ist eine grafische und im späteren Verlauf auch textliche Aufarbeitung eines traumatischen Ereignisses.

 

Eine grafische Aufarbeitung
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© Panini Comics

Dabei setzt er in einer grafischen Kürzestgeschichte, eher noch in einer Art grafischen Erinnerungsform um, wie sich der Ablauf des Abends in diesem Konzertsaal für ihn darstellte. Er zeichnet in sehr strichlastigen Formen, die Seiten sind schwarz grundiert, alles wirkt sehr schwer, erdrückend und beengend. Eine sehr nachvollziehbare Wiedergabe der Situation.

Die Sprech- und Flüsterblasen sowie die Textboxen ergänzen das Szenario und haben einen protokollartigen Charakter. Der Autor versucht zu rekonstruieren, was gesagt wurde, in welcher zeitlichen Abfolge er die Dinge erlebt hat. Fast spürt man, wie er sich unter all den Eindrücken dieser Nacht extrem stark konzentrieren muss, um den Momenten, die er eigentlich verdrängen will und die ihn doch stets begleiten, verbal eine Gestalt zu geben.

Den Tod abstrahiert er in seinen Zeichnungen. Die Attentäter sind, angelehnt an die »Vier Reiter der Apokalypse« als Skelette dargestellt, blanke Schädel, die aus den Sprengstoffwesten ragen, Maschinengewehre in den Knochenhänden. Eine interessante Wahl, da sie dadurch gleichzeitig gesichtslos werden, egal in ihrer Identität und reduziert auf ihre Rolle, den Tod zu bringen. Auch das Menschliche wird ihnen damit komplett abgenommen.

 

Die Darstellung der Täter

Auf eine Art die vermutlich einzig kluge Weise, Stigmatisierung und Dämonisierung, tatsächlich in der Form von Totenschädeln, zu vermeiden, wenn man solch ein Dokument veröffentlicht. Ich hätte auch selbst keine Idee, wie man das anders hätte angehen können.

Gleichzeitig ist es für mich auch ein Stück weit eine fast schon zu ideelle Darstellung. Denn Tatsache ist, es sind Menschen, die dort Menschen töten und genau damit muss man sich, wir uns, auseinandersetzen. Dass der Autor als Opfer aber diesen Weg der Traumabewältigung wählt, finde ich mehr als nachvollziehbar. Und letztendlich entsprang diese Form der Darstellung den assoziativen Gedanken des Autors und ist damit sicherlich diskussionswürdig, aber aus künstlerischer Sicht in meinen Augen nicht zu beanstanden.

Überhaupt fällt es mir schwer, dieses auf eine Art sehr private Dokument kritisch zu betrachten. Keine Fiktion, nichts Erdachtes, kein Plot, den man bemängeln, kein Stil, den man zerpflücken kann. Diese Story dient nicht zur Unterhaltung. Sie dokumentiert die durch und durch realen Erlebnisse eines Mannes an einem Abend seines Lebens. Und zeigt, wie er damit fertig wird.

 

Dokumentation, Protokoll, Traumabewältigung
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© Panini Comics

Nach dieser grafischen Kürzestgeschichte, dem gezeichneten Protokoll eines Terroranschlags, folgen diverse Textstücke, in denen Fred Dewilde darüber schreibt, wie die Minuten und Stunden unmittelbar nach dem Terroranschlag aussahen. Das Gefühl der Überlebenden untereinander, die ersten Tage danach, die folgenden Wochen. Wie sich sein Trauma immer mehr durchsetzte. Wie seine Psyche kollabierte vor dem Umstand, dass er zwischen sehr vielen Leichen auf dem Boden einer Konzerthalle lag und eigentlich nicht mehr als pures Glück hatte.

Es sind sehr persönlich Einblicke, die Dewilde dort zulässt. Die Texte haben keinen literarischen Charakter, es sind seine Gedanke und Gefühle sehr einfach formuliert. Unverfälscht und ungeschliffen, wodurch sie mir umso näher kamen.

Später ziehen die Texte thematisch einen größeren Radius, gehen aus seinem Innenleben, seiner Angst, seiner Leere raus, schauen auf den Alltag, die Familiensituation, die Psychotherapie. Schließlich die Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit dem Terroranschlag, auch auf politischer Ebene. Fred Dewilde dokumentiert im Prinzip seinen Gedankenprozess.

Ich konnte mich nicht gänzlich gegen den Eindruck erwehren, dass es dort zwischen den Zeilen auch ein Sich-selbst-gut-Zureden gab, was eine ebenso verständliche Reaktion wäre, so sie denn zuträfe. Aber vor allem sind seine Texte eine Suche, ein Versuch, Erklärungen zu finden für etwas, das in einer Nacht in sein Leben gerannt kam und heillose Verwüstung darin anrichtete.

 

Fazit: »Bataclan: Wie ich überlebte« ist ein sehr persönliches Dokument, bestehend aus einer »graphic short story« und diversen Texten, in denen der Grafiker Fred Dewilde aufarbeitet, wie er der Terroranschlag in dem Pariser Club »Bataclan« überlebte. Es ist in erster Linie der Versuch, ein Trauma aufzuarbeiten, gleichzeitig aber auch das Protokoll eines Terroranschlags und eine grafische wie textliche Auseinandersetzung mit dessen Folgen.

 

*Die Anschlagsserie in dieser Nacht betraf neben dem Konzert im »Bataclan« auch ein Fußballspiel im »Stade de France« sowie mehrere Cafés, Bars und Restaurants in der Stadt.

 


© Panini Comics
Fred Dewilde – Bataclan: Wie ich überlebte

Originalausgabe »Mon Bataclan« (2016)

übersetzt aus dem Französischen von Bettina Frank

September 2017 bei Panini Comics

Hardcover | 50 Seiten | 16,99 EUR

Genre: Graphic Short Story, Augenzeugenbericht

Reihe: Einzelband

Schauplatz: Paris

 

 

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